Eine unangepaβte Königstochter, Der blaue Reiher (033)

Also available in: nlNiederländisch enEnglisch deDeutsch

Blaue Reiher sind bekannte Erscheinungen an Graben und Pfützen. Vielleicht ist es dir aufgefallen daβ Reiher etwas widersprüchliches haben. Einerseits benehmen sie sich vornehm und graziös, aber andererseits stehen sie frech neben Fischern zu betteln und wandern manchmal sogar in die Küche um etwas Essen zu erfassen. Wie der blaue Reiher an diese Widersprüchlichkeit gekommen ist, liest du in dieser neuen Geschichte.

Obwohl König Heron über ein kleines Land regierte hatte er immer international groβes Ansehen genossen. Er und seine Frau Egretta waren immer sehr gesehene Gäste an anderen Höfen gewesen, aber nachdem die Königin nach einer erschöpfenden Krankheit gestorben war, lebte er immer mehr zurückgezogen und schlug er alle Einladungen ab. So lebte er also zurückgezogen in seinem Palast, zusammen mit seiner einzigen Tochter, Blue genannt. Er mochte seine Tochter sehr, umso mehr da es seit langer Zeit danach aussah daβ der König und die Königin kinderlos bleiben würden.

Sie hatten da beide sehr unter gelitten und hatten verzweifelt die nationale Zauberin des Landes um Hilfe gebeten. Und mit Erfolg: innerhalb des Jahres bekam sie eine Prinzessin. Es schmerzte Heron sehr daβ seine Frau nicht sehen konnte wie Blue zu ein schönes Mädchen heraufwuchs mit langen Beinen, einem zierlichen, langen Hals und einer tiefen Stimme die der König etwas schwül klingen fand. Aber je älter sie wurde, desto mehr zeigte die Prinzessin ein Verhalten dass dem König gar nicht passte. Häufig sah er sie ineinander gekauert und mit krummen Rücken am Rande des Hofteiches stehen und starrte dabei vor sich aus.
Manchmal auch sah er sie mit flatternen Haaren und groβen Schritten hinter Fröschen herjagen wobei sie anfing ganz laut zu schreien. Dann klang ein tiefes, rauhes  “Schratsj“ aus dem Garten. Der König hatte keine Ahnung weshalb sie dies machte und ihr Schrei schnitt ihm immer wieder in die Seele. Und man bilde sich mal ihre Tischmanieren ein! Wenn der König sah wie sie zum Beispiel eine sorgfältig zubereitete Sole á la Meunière hinunterschluckte, schämte er sich tief.
Und wenn es Gäste gab konnte sie ohne Scham nach dem Teller des Tischgenosses starren wobei derjenige anfing sich sehr unbequem zu fühlen. Nein, von königlicher Grazie war bei Blue keine Rede.
Der König begann sich ernsthaft Sorgen zu machen um seine Nachfolge. Eine Königin soll ja graziös sein und ein Beispiel für ihr Volk. Sie hatte wohl Kapazitäten, aber diese Eigenschaften fehlten ihr. Er fürchtete sich daβ sie das Gespött unter den Fürsten werden sollte und daβ würde sehr im Nachteil sein für das Ansehen von sowohl dem Königshaus als auch des Königreichs.
Eines Tages meinte Heron daβ es Zeit war um seine Sorgen mit seiner Tochter zu besprechen.
“Wenn ich nicht mehr da bin, wirst du den Thron besteigen. Das Volk erwartet dann eine Königin die sich auch königlich benimmt. Und was das letzte angeht, mache ich mir ernste Sorgen. Du muβt noch viel lernen. Ich frage mich ob es nicht klug sein würde dich in ein adliges Internat ins Ausland zu schicken oder eine Gouvernante für dich ein zu stellen,“ schlug er vor. “Ich weiss dass du dich oft für mich genierst, “ gab Blue zu. “Ich gebe mir wirklich Mühe um dir zu gefallen, aber ich kann nicht anders. Ich bin nur halt wer ich bin. Ich möchte nicht stattlich durch die Gänge schreiten. Ich will nicht stundenlang aufrecht sitzen und Diplomaten anlächeln und andere Stockfische die ich nicht kenne. Das Leben hier am Hof ist nichts für mich. Ich möchte drauβen in der Natur sein. Ich möchte mich frei fühlen. Ich bin unglücklich, Papa…“ sagte sie mit feuchten Augen.
“Versuche es,“ bat der König. “Versuche es für mich“.
Aber als sie einige Monate später während des jährlichen Defilees zu Ehren des Königs plötzlich rauh “schratsj, schratsj“ schrie, realisierte der König sich daβ die Chance sehr gering war daβ Blue sich jemals wie eine richtige Königin benehmen könnte.

Nach vielen schlaflosen Nächten entschloβ er sich die nationale Zauberin des Landes um Rat zu bitten. Eigentlich konnte er diese Hexe nicht riechen die vielfach von den meist unverständlichen Sachen laberte, aber er konnte nicht verleugnen daβ ihre Einmischung mit seinem Kinderwunsch damals gut abgegangen war. Also dann…
“Du weiβt,“ sagte er ihr dann gegenüber saβ in ihrem Haus  “daβ ich meine Tochter gern hab. Aber daβ sie auch eine Art hat die man nun nicht gerade als königlich bezeichnen kann. In Gesellschaft benimmt sie sich manchmal so unverschämt daβ ich manchmal vor Scham  mich wirklich in Luft auflösen möchte. Aber was mich noch am meisten beunruhigt ist daβ sie unglücklich ist.“
“Nun ja, sagte die Hexe, “Ich bin da völlig mit Ihnen einverstanden. Sie benimmt sich nicht gerade wie eine zukünftige Königin.  Aber leider, ich kann jemanden verschönern oder verhässlichen, einem einen Buckel oder eine gigantische Nase besorgen, aber das Benehmen von jemandem ändern kann ich nicht. Es scheint einen Kurs zu geben wobei man daβ nachträglich noch lernen kann, aber dafür müβte ich ins Ausland gehen. Auβerdem ist es ein Kurs von etlichen Jahren und dafür fühle ich mich nun wirklich zu alt um damit in diesem Alter noch an zu fangen. Ich bin zufrieden mit meinen Kenntnissen die ich bis jetzt angesammelt habe…“ und  sie winkte mit einem Arm auf die zwei Hexenzeugnisse die hinter ihr an der Wand hingen.
Der König fragte sich warum jemand der behauptet Menschen verschönern zu können selbst so abscheulich häβlich aussah, aber er hielt weise seinen Mund.  “Aber“ sagte die Zauberin plötzlich und brach dabei die Stille,  “was ich wohl machen kann ist dafür sorgen daβ sie glücklich wird.“
“Darüber würde ich mich sehr freuen, “sagte der König gelassen ohne dabei eine blasse Ahnung zu haben wie daβ funktionieren könnte. Als der König herauslaufen wollte, stellte sich die Hexe direkt vor ihn und beim aussprechen einiger unverständlichen Wörter streckte sie ihren Arm nach ihm aus, spreizte ihre Finger als ob sie den König dabei wegschieben wollte und guckte ihn an mit einem Blick als ob sie ihn quer durchschaute.
“Geh zurück nach Hause,“ sagte sie mit schriller Stimme, “und du wirst bemerken daβ sie glücklich ist.“ Als er an dem Hofteich entlang lief stand dort ein Vogel mit einem langen Hals, majestätischen Flügeln und langen Beinen. Im Palast war von Blue nichts zu erkennen. Aber von drauβen klang ein “schratsj, schratsj“ und mit einem breiten, trägen und majestätischen Flügelschlag stieg der Vogel in die Höhe. Um immer zum Hofteich zurück zu kehren und den Fisch zu verschlingen. In einer Art und Weise die verdeutlichte daβ ihr dies besser schmeckte als eine Sole à la Meunière.

Im Mittelalter wurde auf die blaue Reiher (Blue Heron auf englisch) gejagt für das königliche Mahl und das ‘einfache Volk‘ bekam eine Geldstrafe auferlegt wenn sie eins fingen. Die Schmuckfedern dieser Reiher waren eine beliebte Verschönerung auf Hütchen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg ging es bergabwärts mit den Anzahlen. Harte Winter spielten eine Rolle, aber auch die Verschmutzung des Oberflächenwassers schwächte diese groβe Wasservogel. Der harte Winter von 1963 war ein wahres Blutbad, noch nie war die Anzahl der Reiher so gering gewesen.
Die Jagd auf die Reiher wurde verboten. Heutzutage ist es ein viel vorkommender groβer Wasservogel der sich hervorragend dem Menschen gefügt hat. Der seinerzeitig scheuer Vogel kommt jetzt vielfältig vor, sogar in den Zentren der groβen Städten.

 

© Els Baars, Natuurverhalen.nl

Leave A Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.